Die Idee


Einleitende Gedanken

Die technologische und chemikalische Entwicklung, die um die Jahrhundertwende zur Entdeckung der Fotografie geführt hatte, erlebte eine digitale Revolution: Anfang der 80er Jahre wurde es möglich, digital zu fotografieren. Bei der digitalen Fotografie wird das Negativ durch einen lichtempfindlichen Chip ersetzt, der Lichtstrahlen, die durch das Objektiv fallen, in ein Signal umrechnet.

Dieses Signal, der Binärcode, besteht aus Ziffern, genauer gesagt aus Einsen und Nullen, die im Grafikprogramm  zu einem Bild interpretiert werden. Das Bild wird auf einem Monitor dargestellt und die Farben in 3 Kanälen getrennt, dem sogenannten RGB-Modus (Rot, Grün, Blau). Beim Ausdrucken über den Druckertreiber werden sie dann in CMYK (Cyan, Magenta, Yellow und Schlüsselfarbe Key) umgewandelt.

Das Ergebnis, also der Print auf Papier, entspricht dem Aussehen einer konventionellen Fotografie. Dennoch hat es mit dem Wesen der analogen Fotografie, der tatsächlichen Lichtspur des Motivs, die sich ins Negativ eingraviert und als Schatten auf einem lichtempfindlichen Papier sein Abbild hinterlässt, nichts mehr gemein (bis auf die Tatsache, dass Licht durch ein Objektiv fällt). Auch wenn die Technik der digitalen Fotografie noch in den Kinderschuhen steckt, hat sie sich qualitativ so weit an das analoge Medium angenähert, dass beide oftmals kaum zu unterscheiden sind.

 

Obwohl dem digitalen Bild ein vollkommen anderer Entstehungsprozess zu Grunde liegt und das eigentliche Prinzip des Licht-Gravierens der analogen Fotografie ad absurdum geführt wird, spricht man im digitalen Bereich weiterhin von Fotografie. Vieleicht handelt es sich um ein ähnliches Missverständnis, das schon dem »Blei«- stift seinen Namen verlieh.

 

 

Nach Roland Barthes referiert die analoge Fotografie jederzeit auf ihr abgebildetes Motiv. Im Digitalen kommt nun ein weiterer, noch abstrakterer Aspekt hinzu: unter dem Gesichtpunkt der Ähnlichkeit zwischen dem »analogen Print« und dem »digitalen Print« lässt sich die ese ableiten, dass das digitale Medium nicht nur auf sein Motiv referiert, sondern zusätzlich auf seine analogen Vorbilder. In der Referenz teilen sich »Fotografie« und »Malerei« einen digitalen Nenner, nämlich die Simulation ihres analogen Vorgängermediums. Sie treffen sich an einem Punkt – genauer gesagt, an einem Pixel.

 

Digitale Fotografie im Fumarium

Auf der Suche nach Schnittstellen zwischen digitaler Fotografie und Malerei stellte sich heraus, dass die Rauchstrukturen einer brennenden Zigarette oder einer Zigarre eine besonders dankbare Grundlage für beide Medien bietet: der Rauch beinhaltet den fotografischen Aspekt des Fixierens einer flüchtigen Lichtspur (eingefrorene Bewegung).

»Das Buch war besser.«

Bücher leben von den inneren Bildern, die durch den Text beim Rezipienten ausgelöst werden. Jede Illustration, insbesondere die Buchillustration, nimmt dem Betrachter ein Stück seiner eigenen Fantasie. Wer beispielsweise die Schauspielerin Inger Nilssen in ihrer Rolle als »Pipi Langstrumpf« gesehen hat, wird es schwer haben, sich von diesem Bild wieder zu lösen um ein eignenes Bild en ehen zu lassen. Wer ein Buch gelesen und danach den Film gesehen hat, ist meistens entäuscht, weil die Darstellung der Protagonisten, Orte und Szenen nicht der eigenen Vostellung entsprochen haben.

 

 

Methodik

Die Rauchillustrationen dieses Buches versuchen den Aspekt der inneren Bilder zu berücksichtigen: es gilt also, einen Illustrationstil zu finden, der eine Balance zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit wagt. Illustrationen, die genug Bedeutungsoffenheit in sich tragen um der Ungreifbarkeit der Lyrik gerecht zu werden, ohne dabei willkürlich zu sein. Die illustrative Umsetzung versucht nicht nur die Motive des Gedichts aufzugreifen, sondern auch das zugrundeliegende Prinzip des Textes, seine Kontraste, seinen Rhythmus und seine Emotionalität zu visualisieren.

 

 

Bilder aus Rauch

Illustration zu „Der Rat der Raupe / Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll

Illustration zu „Menschliches Elende“ von Andreas Gryphius

Illustration zu „Tod eines Hirten“ von Georg Heym

Illustration zu „Wache“ von August Stramm

 

Illustration zu „Das Flakon“ von Charles Baudelaire

 

Illustration zu „Nebel“ von Alfred Lichtenstein